Die halbe Welt

Clay Shirky (Übersetzung: Michael Vesely)

Viel wurde über den Digital Divide geschrieben, die technologische Kluft, welche zwischen der entwickelten und der sich entwickelnden Welt klafft. Sollten Sie eine beeindruckende Illustration dieses Problems suchen, könnten Sie sich an Thabo Mbekis Rede bei der Information-and-Development-Konferenz 1996 halten, bei der er den Teilnehmern mitteilte: "Die Hälfte der Menschheit hat noch nie ein Telefonat geführt."

Oder, wenn Sie das vorziehen, Kofi Annans Rede aus dem Jahr 2000 vor dem Australischen Presseklub, wo er sagte: "Die Hälfte der Weltbevölkerung hat noch nie ein Telefonat geführt oder einen Anruf erhalten." Oder Thomas Homer-Dixons Version, aus einer Rede des Jahres 2001: "(...) die Hälfte der Leute auf diesem Planet hat noch nie telefoniert." Greg LeVert von MCI sprach es 1994 auf einer Telecom-Konferenz aus; Richard Klugman von PaineWebber formulierte es 1995 im Economist, Jeffery Sachs und Al Gore sagten es beide im Jahr 1998, Reed Hundt und Steve Case im Jahr 2000; Michael Moore und Newt Gingrich wiederholten es im Jahr 2001, ebenso Carly Fiona und Melinda Gates. Nicht zufrieden mit der bloßen Hälfte, erklärte Tatang Razak aus Indonesien dem UNO-Komitee für Information in einer Rede vom April 2002: "Schließlich haben die meisten Leute der Welt noch nie ein Telefonat geführt."

Die Phrase "Die Hälfte der Welt hat noch nie telefoniert", oder eine Variante davon, wurde zur Urban Legend, einer von vielen geglaubten, aber substanzlosen Geschichte über das Wesen der Welt.

Man kann eine gute Scheinwahrheit nicht stoppen

Diese Phrase behauptet eine derart ernste und wichtige Statistik, dass nur Dummköpfe ihre Genauigkeit in Frage stellen würden. Es existiert eine Art magischer Resonanz im Entwickeln von Argumenten im Namen der Hälfte der Menschheit, und diese erlaubt dem Sprecher, seine Zuhörer für jede Art schlummernden Techno-Optimismus zu schelten ("Sie denken, dass eine Revolution statt findet? Die Hälfte der Welt hat noch nie telefoniert!"). Diese Phrase stellt den Zugang zur Telekommunikation als "Großes Problem" dar und wertet in Folge den Sprecher als "Große-Probleme-Denker" auf.

Aber "Die Hälfte der Welt hat noch nie telefoniert" macht genauso wenig Sinn wie die Aussage "Mein Auto beschleunigt von Tempo null auf hundert" oder "Es regnete dreißig Zentimeter". Ohne das Element Zeit kann man über Veränderungsraten nicht sprechen. Aber es ist die Veränderungsrate, die wesentlich ist für dynamische Systeme. Bis zu welchem Datum hat die Hälfte der Welt noch nie telefoniert? Und wie hoch ist die Wachstumsrate der Telekommunikation seither? Nur eine solche Kalkulation kann uns irgendetwas Wichtiges über den Digital Divide mitteilen.

Statische Aussagen über dynamische Systeme

In ihrem Buch The Future and Its Enemies (ISBN: 0684862697) behauptet Virginia Postrel, dass die alten Unterscheidungen zwischen rechts und links mittlerweile weniger wichtig seien als die Unterscheidung zwischen "stasits" und "dynamists". Stasists glauben, die Welt ist oder sollte ein kontrollierbarer, vorhersehbarer Ort sein. Im Gegensatz dazu sehen Dynamists die Welt als eine Menge dynamischer Prozesse. Diese Unterscheidung ist der Schlüssel für "Die Phrase": Jeder, der sie benutzt, bestärkt - eventuell sogar unbewusst - den Standpunkt der Stasisten, weil darin die Telekommunikationsinfrastruktur behandelt wird als wäre sie zeitlich eingefroren.

Um über Veränderungsraten nachzudenken benötigen wir drei Dinge: den Anfangszeitpunkt, die verstrichene Zeit und die Geschwindigkeit der Veränderung. Der Anfangszeitpunkt war Ende 1994, als die Toronto Sun einen Ausschnitt aus Greg LeVerts Rede bei der TeleCon '94 zitierte. (LeVert selbst war kein Stasist - obwohl er uns anscheinend unabsichtlich "Die Phrase" beschert hat. Es erinnert sich nur niemand mehr daran, dass er sie benutzte, um die Größenordnung des bevorstehenden Wechsels zu dramatisieren. Er sagte damals für das Jahr 2000 eine Milliarde Telefone voraus.) Wir können deshalb die Frage nach der Veränderungsrate neu stellen und uns fragen, was mit der weltweiten Anzahl der Telefone zwischen dem Beginn des Jahres 1995 und jetzt passierte.

Wiederherstellen der Rate

Die ITU schätzt, dass es Anfang 1995 rund 689 Million Festnetzanschlüsse gab und etwas über 1 Milliarde am Ende des Jahres 2000, dem letzten Jahr, für das sie über Zahlen verfügt. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von knapp mehr als sieben Prozent und einer kumulativen Verbesserung in diesem Zeitraum von mehr als fünfzig Prozent. Das bedeutet, dass die ersten zwei Drittel aller weltweiten Festnetzanschlüsse zwischen 1876 und 1994 eingerichtet wurden und das verbliebene Drittel zwischen 1995 und 2000. Oder, anders ausgedrückt, in den letzten sechs Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurden halb so viele zusätzliche Festnetzanschlüsse errichtet wie in der gesamten vorhergehenden Geschichte des Telefons. So viel zum Thema "Stasis".

Natürlich berührt dieses Wachstum das Problem nicht vollständig - ein neuer Telefonanschluss im Zimmer eines Teenagers mag vielleicht alle möglichen Telefonstatistiken erhöhen, aber sicher nicht die Anzahl derer, die das erste Mal telefonieren. Nachdem "Die Phrase" sich mit dem Digital Divide beschäftigt, sollten wir uns auf das Telekom-Wachstum in der weniger entwickelten Welt konzentrieren.

Zwischen dem Beginn des Jahres 1995 bis Ende 2000 erzielten acht Länder bei der Anzahl der Festnetzanschlüsse pro hundert Einwohner durchschnittliche kombinierte jährliche Zuwachsraten von 25% oder mehr (im Gegensatz zum Weltdurchschnitt von sieben %). Das bedeutet, dass diese Länder die Anzahl der Anschlüsse in diesem Zeitraum zumindest verdreifacht haben. Diese Länder sind - in abnehmender Reihenfolge - Sudan (das die Anzahl der Anschlüsse versechsfachte), Albanien, China, Sri Lanka, Vietnam, Ghana, Nepal und Kambodscha - nicht gerade die G8. Allein in China wuchs in diesen sechs Jahren die Zahl von 41 Millionen Festnetzanschlüssen auf 179 Millionen. Zusätzlich gibt es weitere 35 Ländern, u.a. Indien, Indonesien und Brasilien, mit einer jährlichen Zuwachsrate zwischen zehn und zwanzig Prozent, was bedeutet, dass diese Länder in der Zeit von 1995 bis 2000 ihre Anschlüsse zumindest verdoppelten.

Und die Mobiltelefonie lässt die Veränderung der Festnetzanschlüsse geradezu tektonisch aussehen. 1995 gab es rund 91 Millionen Mobiltelefoniekunden. 2000 war ihre Zahl auf 946 Millionen angewachsen, ein zehnfacher Zuwachs. 27 Länder hatten Wachstumsraten von über hundert Prozent jährlich. Das bedeutet, dass diese Länder ihre Kundenzahlen sechs Jahre hintereinander zumindest verdoppelten und nochmals verdoppelten und so einen mehr als sechzigfachen Zuwachs erzielten (nicht sechzig Prozent, sondern Faktor sechzig!). 22 dieser Ländern hatten einen mehr als hundertfachen Zuwachs. Senegal wuchs von hundert Kunden (nicht 100.000 Kunden, sondern 100!) auf 390.000, Ägypten von 7.000 auf fast drei Millionen, Rumänien von 9.000 auf beinahe vier Millionen. Weitere 44 Länder ohne messbare Mobiltelefoniepenetration im Jahr 1995 hatten bis 2001 durchaus Kunden akquiriert.

Weil drahtlose Infrastruktur keine mühsame Verkabelung von Gebäude zu Gebäude erfordert, und auch weil sie nicht von staatlichen Monopolen behindert wird, kann ein Land seine Mobiltelefonpenetration extrem schnell erhöhen. Ende 2000 gab es 25 Länder in denen Mobiltelefonienutzer zwischen zwei Drittel und neun Zehntel der "connected"-Bevölkerung stellten. In diesen Ländern, die alle nicht reich sind, wurde eine neue Telekommunikationsinfrastruktur aus dem Boden gestampft, während zur gleichen Zeit Keynote Speaker und Eröffnungsredner damit beschäftigt waren, ihre Zuhörer fälschlicherweise mit der Information zu versorgen, die Hälfte der Welt habe noch nie telefoniert.

Zwei Antworten

Können wir also für 2002 feststellen wie viel Prozent der Welt bereits einmal telefoniert haben?

Die erste, und weniger wichtige, Antwort auf diese Frage geht ungefähr so: Zwischen 1995 und 2000 wuchs die Weltbevölkerung um ca. acht Prozent. In dieser Zeit wuchs die Anzahl der Festnetzanschlüsse um fünfzig und die der Mobiltelefone um über tausend Prozent. Im Gegensatz zu der Hoffnungslosigkeit, die durch "Die Phrase" vermittelt wird, wächst die Telefonpenetration viel schneller als die Bevölkerung. Sie wächst zudem in den Entwicklungsländern schneller als in der entwickelten Welt. Außerhalb der OECD betrug der Zuwachs rund 130 Prozent für Festnetzanschlüsse und über 2.300 Prozent für Mobiltelefone - 14 Millionen Kunden Anfang 1995 und 342 Millionen Ende 2000. Wenn wir davon ausgehen, dass LeVerts ursprüngliche Schätzung aus dem Jahr 1994 korrekt war (ein großes Fragezeichen), dann müsste die neue Schätzung wohl heißen: "Ungefähr zwei Drittel der Weltbevölkerung hat bis zum Jahr 2001 schon einmal telefoniert und die Zahl ist wachsend."

Es gibt noch eine andere, wesentlich wichtigere Antwort auf Frage, wie viel Prozent der Welt bereits einmal telefoniert haben: Es ist schlichtweg egal. Jede Momentaufnahme der Telefonpenetration ist unwichtig, weil es nicht um den Bestand geht, sondern um die Veränderung. Wenn einen der Digital Divide wirklich kümmert, und man davon überzeugt ist, dass Zugang zur Telekommunikation armen Ländern bei der Entwicklung helfen kann, dann ist alles Predigen, wer schon einmal telefoniert hat oder nicht, mehr als nur reine Zeitverschwendung: Es verzerrt den Blick auf die möglichen Lösungen, weil es eine stasische Haltung betont.

Obwohl eine einmalige Steigerung um fünf Prozent kurzfristig besser ist als eine jährliche Steigerung um ein Prozent, ist Letztere bereits mittelfristig noch, und auf lange Sicht sogar sehr viel besser. Wie alles - von Investmenttheorie bis zu Moores Gesetz - zeigt, ist kombiniertes Wachstum kaum zu schlagen. Um das kombinierte Wachstum bei der Ausbreitung von Telefonen zu verbessern, müssen die Barrieren zwischen Angebot und Nachfrage reduziert werden. Einige Länder verzeichneten in der letzten Dekade enorm vorteilhafte Zuwachsraten. Wir sollten also fragen, was denn dort richtig gelaufen ist. Es stellt sich heraus, dass Geld weniger wichtig ist als man erwarten würde.

Beispiele aus der realen Welt

1995 besaß Brunei beinahe doppelt so viele Festnetzanschlüsse und fünfzigmal so viele Mobiltelefone pro Einwohner wie Polen. Nicht zu vergessen, dass das BIP Bruneis doppelt so hoch war wie das Polens. Ende 2000 übertraf Polen Brunei bei den Festnetzanschlüssen und konnte sogar die Mobiltelefonpenetration egalisieren. Brunei ist wesentlich kleiner, einfacher zu verkabeln und sehr viel reicher, aber Polen besitzt etwas, das alles Geld in Brunei nicht kaufen kann - eine dynamische Wirtschaft. Ähnlich überflügelte Irland Dänemark und Ägypten überholte Kuwait, obwohl die schneller wachsenden Länder die ärmeren waren.

Die Republik Kongo verlor 16.000 ihrer 36.000 Festnetzanschlüsse, wuchs aber in Summe, weil 140.000 Mobilfunkanschlüsse dazu kamen. Es ist wenig überraschend, dass die Leute in einem vom Bürgerkrieg heimgesuchten Land den Staat als Telefonanbieter aufgeben. Was hingegen verblüfft: In Venezuela passierte das Gleiche. Venezuela, mit seinem Telekom-Monopol, sah die Zahl seiner Festnetzanschlüsse jährlich um 0,3 Prozent sinken, während gleichzeitig die Mobiltelefonnutzung explodierte. In beiden Fällen war der Staat ein Hindernis bei der Telefonienutzung, aber die Anwesenheit privatwirtschaftlicher Alternativen ermöglichte dennoch eine Steigerung der Telefonpenetration.

Bangladesh, mit einem BIP von 1.570 Dollar pro Kopf, hat eine jährliche mobile Zuwachsrate von beinahe 150 Prozent. Teilweise kommt das von Programmen wie dem "Grameen Bank's Village Phone", nach dem Mobiletelefone an Frauen in Dörfern verliehen werden (ohne Einsatz), die dann wiederum Telefonate an ihre Nachbarn verkaufen. Das hat eine zweifache Hebelwirkung, weil es nicht nur die Anzahl der Telefone erhöht, sondern auch die Anzahl der Nutzer pro Telefon.

Diese Beispiele demonstrieren, was "Die Phrase" so destruktiv macht. Etwas unglaublich Gutes passiert in den Teilen der Welt, die über eine dynamische Wirtschaft verfügen. Darüber sollten diejenigen, die über den Digital Divide besorgt sind, nachdenken. Wenn man den Ärmsten der Welt mit besserer Telekommunikationsinfrastruktur helfen kann, dann gibt es einige offensichtliche Dinge zu tun: Sicherstellen, dass der Einzelne Zugang zu einem Markt für Telefoniedienste hat. Privatisieren der staatlichen Telkos, Einführen von Wettbewerb und Reduzieren der Korruption. Und vielleicht am allerwichtigsten: mithelfen, statisches Denken über Telekommunikation auszurotten - wo immer es auftritt. Wirtschaftliche Dynamik ist ein wesentlich besseres Instrument zur Erhöhung der Telefonienutzung als noch so viele falsche und unvollständige Annahmen über die Hälfte der Weltbevölkerung. Denn während "Die Phrase" während der letzten Dekade statisch geblieben ist, tat die Welt das nicht.

Anmerkungen:

Die hier benutzten Statistiken über die Dichte der Telefonanschlüsse (teledensity) stammen von der International Telecommunication Union (www.itu.int)

Für die Schätzungen über die Entwicklungsländer verwendete ich die Mitgliedschaft in der OECD als Statthalter für die entwickelte Welt. Um das Wachstum der Entwicklungsländer zu berechnen wurden die 30 OECD Länder von den ITU Daten abgezogen.

Die Zahl über das Bevölkerungswachstum stammt von Schätzungen des US Census Bureau.

Der Originalausschnitt vom 13. Oktober 1994, aus dem Wirtschaftsteil der Toronto Sun:

So you think the world is wired? Half the world's population -- an astounding three billion people -- has never made a phone call, a telecommunications conference was told Wednesday. "Most people on Earth live more than two hours from a telephone," Greg LeVert, president of U.S. giant MCI's Integrated Client Services Division, told delegates to TeleCon '94 in Toronto.

Things are changing fast, though.

"Nearly a billion more people will have access to a telephone by 2000," LeVert said.

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Clay Shirky verteilt seine Zeit zwischen Consulting, Lehren und Schreiben über die sozialen und ökonomischen Effekte der Internet Technologien. Zusätzlich lehrt er an der New York University (NYU).

Der Originaltext ist nachzulesen unter shirky.com/writings/half_the_world.html